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Hinterlaufamputation beim Chinchilla


Meine kleine Lilly ist zu diesem Zeitpunkt fast 15 Jahre alt gewesen und hatte schon viel Pech im Leben (unter anderem ein Kaiserschnitt) Sie ist eine liebe und vor allem ruhige Chinchilladame, wie es sie nicht noch einmal gibt. Im Freilauf kann sie schon einmal beim Streicheln auf dem Schoß eindösen. Doch manchmal hilft alle Vorsicht nicht...

Was war passiert?

Lilly und Bucky saßen bereits mehrere Jahre in einer großen, selbst gebauten Holzvoliere, die eigentlich sehr gut abgesichert war.
So dachte ich zumindest, bis ich eines Abends das Futter wechseln wollte und dafür die – zugegebenen Maßen schwer einzusehende – Tür öffnete. Denn nach dem Öffnen hing mir frei schwebend und kopfüber ein Chinchilla gegenüber. Ich hab das Tier sofort intuitiv abgestützt und wusste erst gar nicht, was passiert war. Wo sollte sie denn da hängen? Im ersten Moment wirkte die Situation gar komisch.
Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass sie zwischen einem Sitzbrett und dem Balken, auf dem es aufgeschraubt war, fest klemmte. Sie war in einen eigentlich nicht vorhandenen Spalt gerutscht und diesen auch ein paar Zentimeter weiter hinein, wo sie mit dem Hinterlauf richtig eingeklemmt war. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde war mir klar, dass ich sie mit normalen Mitteln dort nicht rausbekomme, ohne ihr das Bein zu brechen oder gar abzureißen.

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Handeln war angesagt…

Immer noch stützend rief ich um Hilfe, die dank des Tonfalls innerhalb von 5 Sekunden vor Ort war. Mein Freund befreite Lilly aus ihrer Lage, indem er vorsichtig mit einem Akkuschrauber die schweren Schrauben löste. Und selbst dann mussten wir das Brett noch mit einem Schraubenzieher aufhebeln, da es so eng aufgelegt saß. Immer in der Gefahr, das Beinchen brechen.
Letztlich gelang es uns, sie zu befreien. Nach einem Blick auf das Bein war mir der ernst der Lage sofort klar. Der Knochen war zwar heil, aber oberhalb des Sprunggelenks auf circa 1,5cm blank gescheuert. Ich verpasste ihr kurzerhand etwas Lactogel um den Kreislauf stabil zu bekommen und ihr Flüssigkeit zu geben, denn ich wusste nicht wie lange sie dort hing, und dann ging es direkt ins Auto.

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Ab in die Tierklinik

Natürlich war es abends, und so trafen wir 5 Minuten zu spät in der Tierklinik ein, was uns einen saftigen Notfallzuschlag und einen unbekannten Notfallarzt bescherte…
Beim Röntgen lief mir der Chefarzt über den Weg und sah sich das Beinchen an. Er sprach aus, was ich befürchtet hatte – es war sichtlich kein Gewebe mehr am Knochen, das heilen konnte. Dreiviertel von Bein war somit tot, da es keine Blutzufuhr mehr hatte. Gebrochen war wie durch ein Wunder nichts. Trotzdem wollte er sicher gehen und schickte mich für eine Woche nach Hause.

Lilly noch mit ungestütztem Hinterlauf, die tote Stelle ist markiert
Lilly noch mit ungestütztem Hinterlauf, die tote Stelle ist markiert

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Leben mit einem steifen Bein

Die nächsten Tage waren heftig. Lilly konnte sich kaum bewegen, da das Bein durch die Belastung des oberen Gelenks (an dem sie gehangen hatte) bis weit in den Bauchraum tagelang taub war. Das brachte natürlich auch die Verdauung zum erliegen. Das ansonsten schon ruhige Tier war in den ersten 4 Tagen wie paralysiert. Das Futter musste ich direkt vor ihr Schutzhaus stellen, damit sie wenigstens selber fraß. Danach wurde es langsam wieder besser und ihr Lebensmut kehrte zurück.
Selbstverständlich saß Lilly nicht mehr in ihrer Voliere, sondern hatte ein großes Kaninchenfreigehege bekommen, in dem sie nicht klettern musste.
Das Bein hatte ich bereits am dritten Tag geschient und es vorsichtig mit einem Pflaster und Leukoplast geschützt, um eine Infektion zu vermeiden. Dafür musste die Luft unter dem Verband noch zirkulieren können.

Mit Bucky hat sie sich gleich am zweiten Tag überworfen, als ich sie im Freilauf zu ihr setzte. Bis heute meiden die beiden sich wie der Teufel das Weihwasser.

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Erster Kontrolltermin

Nach der Woche hatte ich wieder einen Termin in der Tierklinik. Die erste Diagnose wurde bestätigt und ich war bereit, das Risiko einer Amputation einzugehen. Aus dem Bekanntenkreis hagelte es viele Vorwürfe, da Lilly mit 15 Jahren schon sehr alt sei. „Musst du ihr das wirklich noch antun?“ war die häufige Frage. Aber da Lilly ihren Lebensmut wieder hatte und selbst mit der Krücke eifrig umher humpelte, stand ein einschläfern für mich außer Frage.
Als im Untersuchungszimmer von mir die Frage kam, wann operiert werden könne, legte mein Tierarzt die Hände zusammen und nahm sie verzweifelt kopfschüttelnd wieder auseinander. „Da ist doch nichts dran, die überlebt das nicht“.

Und damit hatte er nicht Unrecht. Lilly – eh schon immer mit knapp 440 Gramm sehr leicht – war inzwischen durch den Stress auf 370 Gramm runter.
Er schickte mich nach Hause und sagte mir, ich solle selber entscheiden. Entweder erst mal zunehmen, oder wenn etwas passiert reinkommen und operieren.

Lilly mit bandagiertem Hinterlauf, da sich das Fleisch an den Zehen löste
Lilly mit bandagiertem Hinterlauf, da sich das Fleisch an den Zehen löste

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Die zweite Woche

Also wieder nach Hause, ab ins Freigehege und abwarten… obwohl Lilly sehr gut fraß, ging ihr Gewicht nicht nach oben, sondern nach unten. Auch dieses Problem kannte ich bei ihr bereits. Donnerstags griff ich zum Telefon und machte den OP Termin für Montags fest.

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Der OP Tag

Die Frau vom Chefarzt ist selber Tierärztin und macht in der Klinik alle OPs. Sie sah sich das Bein an und meinte, es sei auch höchste Zeit. An den Zehen hatte sich bereits das Fleisch gelöst. Sie erklärte mir, dass es kaum möglich sei, etwas vom Bein zu erhalten und zeigte mir die Stelle, wo sie es amputieren wollte. An der Schnittkante wäre ihr noch ein größerer Stumpf zum aufsetzen geblieben. Begeistert war sie nicht, denn Lilly sah schon sehr zerbrechlich aus.
Die Gasnarkose muss bei solch einer massiven OP sehr tief sein, und das belastet den Kreislauf natürlich extrem und kann bei geschwächten Tieren schnell tödlich enden. Deshalb sagte sie mir dann als letzen Satz, dass sie mir nicht versprechen könne, dass Lilly überlebt.

Es war abgemacht, dass jemand von der Klinik mich anrufen soll, sobald Lilly wieder wach ist und das so gegen elf Uhr spätestens der Fall sein würde. Um halb zwölf saß ich immer noch vor dem Telefon und bekam langsam Angst. Zehn Minuten später klingelte es. Jemand meldete sich nur mit einem schweren und zögerlichen „Ja, hallo…“ und dann war die Leitung 5 Sekunden belastend still, in der mir die ganze Welt durch den Kopf ging. Sich ohne das übliche „Tierklinik xxx, guten Tag“ zu melden konnte nichts Gutes verheißen. Zumal es die operierende Ärztin persönlich war, wie ich an der Stimme erkannt hatte. Ich rechnete in dem Moment felsenfest damit, dass Lilly tot war. Doch dann kam der befreiende Satz: „Sie lebt“.

Innerhalb von 30 Minuten war ich in der Nachbarstadt und hielt die Transportkiste mit einem ziemlich erschlagenden, aber offenbar stabilen Chinchilla in der Hand.

Das Bein musste höher als erwartet abgenommen werden und war praktisch nicht mehr vorhanden. Nur ein kleiner Stumpf zeugte davon, was einmal war. Ich habe mich wahnsinnig erschrocken, als ich sie so sah.

Viel ist vom Bein wahrlich nicht mehr über...
Viel ist vom Bein wahrlich nicht mehr über... auch wenn es hier mit dem Pflaster etwas ander erscheint. Die Schnittkante verläuft am Pflasteransatz.

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Leben mit nur einem Hinterbein

Bereits nach wenigen Tagen fing Lilly wieder an zu hoppeln. Und bis heute – knapp 3 Monate nach der OP – hat sich an ihrem Verhalten im Gegensatz zu früher nicht viel geändert. Anfangs hatte sie extreme Gleichgewichtsstörungen, gewöhnte sich aber nach und nach daran. Das erste Sandbad nach der OP - drei Wochen später - war noch einmal ein prägendes Erlebnis für uns beide. Sie drehte sich, lag auf dem Rücken – und konnte ohne das Beinchen keinen Schwung mehr nehmen, um sich aufzurichten. Ich ließ ihr zwei Minuten und half ihr dann aus ihrer verzweifelten Lage. Danach war sie deutlich deprimiert und verweigerte jeden Schritt. Aber selbst das bekommt sie heute mit etwas Übung wieder alleine hin. Der Einstieg in die hohe Wanne, das Drehen – nicht sehr elegant, aber es geht.

Das Pflaster blieb um den Stumpf, bis es sich nach knapp zwei Wochen von selber löste. Die Fäden waren nicht mehr vorhanden und mussten nicht gezogen werden. Danach pflegte ich die rissige Haut mit fetthaltiger Salbe.

Aus dem Beinstumpf stand ein Stück Knochen über, das abgekniffen werden sollte, sobald die Haut drum herum etwas verhornt sei. Ich habe es fast drei Monate hinaus gezögert, bis sie im Freilauf irgendwo hängen geblieben ist und sich den Stumpf dabei samt Knochen verletzt hat. Erst dann sind wir wieder zum Tierarzt gefahren, der den gelockerten Knochen gänzlich gekürzt hat (ähnlich wie Zähne kürzen).

Die neue behindertengerechte Voliere mit durchgehenden Etagen
Die neue behindertengerechte Voliere mit durchgehenden Etagen und sanft steigenden Leitern

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Ist es denn keine Quälerei für das Tier?

Wenn die kritisierenden Bekannten von damals Lilly heute sehen, werden sie sehr still. Denn wenn sie im Freilauf herum tobt, trotzdem kleine Haken schlägt und auf Hindernisse bis 30 cm Höhe springt könnte man meinen, sie sei normal. Natürlich kann sie keinen artgerechten Käfig mehr bewohnen, aber ich habe ihr eine hübsche behindertengerechte Voliere anfertigen lassen, in der jetzt hoffentlich wirklich nichts mehr passieren kann.

Nur wenn sie geschlafen hat, ist ein deutlicher Unterschied zu früher zu bemerken. Die ersten zwei, drei Minuten ist sie steif und hält den Beinstumpf nach oben abgespreizt, fast auf Ohrhöhe. Dadurch leidet das Gleichgewicht natürlich. Aber sobald die Muskulatur warm ist, normalisiert sich die Körperhaltung. Anfangs musste ich sie wohl etwas „in den Hintern treten“ um ihr beizubringen, dass es auch ohne das Bein geht. Erst dadurch kam ihr Lebensmut wieder richtig zurück. Heute hat sie ihre 400 Gramm wieder, genießt ihren Sonderstatus und ihre Wärmelampe – und freut sich, wenn sie im Freilauf auf mir herum klettern darf. Dabei muss ich darauf achten, dass sie einige zu bewältigende Herausforderungen vorfindet, an denen sie sich trainieren kann.

Chinchilla unter Wärmelampe
Chinchilla unter Wärmelampe

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Schlussgedanken

Vor und nach der OP fragte ich mich schon, ob ich das richtige tue – gerade die Kritik machte es nicht einfach.
Inzwischen weiß ich, ich habe das richtige getan.
Es war mir egal, was andere denken. Lilly wollte leben, und dann spreche ich kein Tier nur wegen der Kosten und der Ausrede eines hohen Alters tot. Die gesamte Behandlung und die neue Voliere haben mich zugegebener Maßen einen Jahresurlaub gekostet. Beides bekam ich aber unter dem normalen Preis, da Lillys Schicksal und meine Entschlossenheit wohl einige helfende Menschen beeindruckt hatten.

Heute bereue ich nichts und hoffe, dass mir meine graue Piratenbraut noch zwei, drei Jahre erhalten bleibt, bis sie an Altersschwäche stirbt. Ich konnte sie problemlos mit meiner Handaufzucht Peanut vergesellschaften und die zwei verstehen sich trotz sehr unterschiedlichem Temperament wunderbar. Auch Bucky hat wieder Gesellschaft bekommen.

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© by Heike Brzezina