Zum Menü gehen | Zum Inhalt gehen

Inhalt Start
Aktuelle Seite: Nagetiere-Online.de | Chinchillas | Handaufzucht (Erfahrungsbericht)
Der Existenz von Peanut geht eine traurige Geschichte voraus, denn er war alles andere als ein Wunschkind. Ich hatte zu dieser Zeit nur zwei Chinchillas, die 10 und 15 Jahre alt waren. Und da ich irgendwann einmal mit der Chinchilla Haltung aufhören wollte, sollte mir kein jüngeres mehr ins Haus kommen. Aus einer Notsituation heraus nahm ich Peanut's Mama mit circa 7 bis 8 Jahren bei mir auf und die wenige Zeit, die sie bei mir hatte, war von genauso viel Freude wie Leid erfüllt. Cleos Geschichte könnt ihr über die Navigation erreichen. Sie war nicht nur totkrank, sondern auch noch schwanger, was ich nur durch Zufall heraus fand. Hätte ich es nicht rechtzeitig bemerkt, wäre Cleo mitsamt ihren Babys bereits Wochen vor der Geburt eingeschläfert worden. Nur der Zufall sollte diesen Schrecken verhindern.
Ich war bei Peanuts Geburt von Anfang an mit dabei, was ich als wahnsinniges Glück empfand. Cleo hatte ganz schön zu kämpfen, und das erste Baby steckte lange Zeit im Geburtskanal fest, aus dem es nur minimal heraus schaute. Für Cleo gab es am Kopf des kleinen Chinchillas keinen Ansatzpunkt zu fassen, denn weder Ohren noch Schnauze waren greifbar.
Gerade als ich mit der Tierklinik telefonierte (es wurde mir zeitlich zu gefährlich für beide) und für 5 Sekunden weg sah, flutschte er hinaus. Langestreckt, blutig und nass lag er in der Einstreu und regte sich nicht. Mir rutschte das Herz in die Hose. Hatte ich Cleo so lange gequält, damit sie jetzt tote Kinder bekam?
Cleo putzte das kleine Chinchillababy und plötzlich begann es sich zu regen.
Mama übernahm ihre Aufgabe das kleine Jungtier zu trocknen sehr sorgfältig.
Das zweite laut Röntgenbild angekündigte Baby lies auf sich warten, worüber ich nicht traurig war. Blieb doch so mehr Zeit für den Erstgeborenen, der Mamas Aufmerksamkeit vollends genoß. Auch ohne Erfahrung sah ich, dass das Chinchillababy sehr klein, extrem leichtgewichtig - aber offensichtlich gesund - war.
Soviel Glück hatte sein Geschwisterchen nicht. Es war bereits im Mutterleib gestorben und kam als Steinfrucht tot zur Welt.
Trotz aller Trauer probierte ich den positiven Effekt zu sehen - denn mit ihrer letzten Kraft konnte sich Cleo voller Aufmerksamkeit einem einzelnen Baby widmen. Und mir war klar, dass diese Zeit sehr kurz sein würde.
Am Abend des ersten Tages wog ich das Kleine. Mit etwa 35 Gramm lag das Geburtsgewicht an der untersten Grenze. Mit einer gesunden Mama hätte es als Einzelkind gute Überlebenschancen gehabt, aber so standen die Chancen für dieses Chinchillababy sehr schlecht ...
Trotzdem wurde aus tierärztlicher Sicht und mit Hilfe von Chinchillazüchtern beschlossen, die ersten drei Tage abzuwarten und nicht in die Beziehung zwischen Muter und Kind einzugreifen.
In den ersten drei Tagen darf das Geburtsgewicht leicht sinken, danach muß es wieder nach oben gehen - und genau das wollten wir abwarten.
Diese drei Tage verliefen vorbildlich, bevor alles aus den Rudern lief. Das Gewicht sackte nur auf 29 Gramm ab. Das war am Geburtsgewicht gemessen nicht viel, aber es wurde langsam lebensbedrohlich, da das Untergewicht sehr extrem war.
Ich hatte damit rechnen müssen, dass Cleo die Geburt nicht überlebt und hatte bereits vor der Entbindung alles für eine Handaufzucht vorbereitet. Am vierten Tag hatte Cleo dann einen weiteren gesundheitlichen Einbruch und ihre eigenen Zwangsfütterungen wurden immer schwieriger. Der Tierarzt bestätigte mir, dass Cleo kaum Milch habe, und das Chinchillababy hing ihr ununterbrochen vor Hunger an der Zitze. Also begann ich mililiterweise aus einer Spritze mit Aufsatz beizufüttern. Peanut nahm diese Mahlzeit (anfangs eine pro Tag) so gut an, dass er sich an der Silikonspitze förmlich festbiß, weil ihm so der Magen knurrte.
Es half aber alles nichts. Auch mit ein, zwei Zusatzmahlzeiten pro Tag konnte Peanut das Gewicht von 29 Gramm gerade mal halten, wobei es seiner Mama immer schlechter ging. Also entschloss ich mich dazu, meinen Einsatz zu verstärken. Peanut musste Gewicht zulegen, sonst würde er nicht überleben.
In dem Moment wo ich das beifüttern verstärkte, knickte bei seiner Mama der Überlebenswille weiter ein. Je mehr ich ihr abnahm, desto mehr baute sie ab.
Erst als sie am sechsten Tag aufhörte auf seine Rufe zu reagieren und stumpf in einer Ecke saß, traf ich eine schwere, aber überfällige Entscheidung. Cleo hatte alles gegeben, mehr noch als es eigentlich gedurft hätte. Es war schlimm ihr beim Leiden zuzusehen, damit ihr Sohn bessere Chancen bekam. Doch jeder Tropfen Muttermilch war entscheidend, denn eine reine Handaufzucht hat kaum Überlebenschancen. Entscheidend für den guten Verlauf ist die wichtige Kolesteralmilch der Mutter, die sie in den ersten Tagen gibt.
Am siebten Tag sollte sich unser kurzer, gemeinsamer Weg trennen.
Dieser Tag verlief merkwürdig, wenn man als Tierhalter nicht an ein höheres Schicksal glaubt. Denn Cleo hat mir an ihrem Todestag ihr Chinchillababy förmlich aufgedrängt. Dabei hatte ich noch überlegt, wann ich ihr das Jungtier am besten und endgültig abnehme. Aber als wir den Termin zum Einschläfern hatten, hat sie - erst in der Tierklinik - plötzlich jeden Kontakt zu ihrem Sohn verweigert. Er durfte nicht mal mehr zum aufwärmen kuscheln kommen.
Nach zehn Minuten konnte ich mir die mitleidserregenden Bitten des kleinen Chinchillababys nicht mehr mit ansehen. Es versuchte immer wieder verzweifelt unter Cleos Bauch zu klettern.
So wurde ich fünf Minuten vor ihrem Tod mit starkem Willen und Entschlußkraft zur Ziehmama und übernahm ohne nachzudenken einen eiskalten Peanut, weil es einfach nicht mehr anders ging. Sie hat mir die Entscheidung leicht gemacht, denn das Chinchillababy war bereits stark ausgekühlt und konnte seine Körperwärme noch nicht selber regulieren.
Peanut wärmte sich zitternd vor Kälte in meinem Bustier auf, während seine Mama zu seinem Schutzengel wurde.
Ich verliess die Klinik mit viel gutem Zuspruch für die Handaufzucht, mitleidigen Blicken und unter Tränen.
Cleo habe ich mit ihrem anderen Baby am Bauch liegend beerdigt.
Sieben Tage alt, und immer noch mit einem lebensbedrohlichen Untergewicht von 29 Gramm, wurde ich Peanut's Mama. Ich hatte mich darauf vorbereiten können und so stand alles bereit. Weil ich Cleo in den Tagen davor bereits fast alles abgenommen hatte und ihre eigene Versorgung nun entfiel, ging trotz aller Tränen alles einfacher als in den Vortagen. Denn in der letzten Woche hatte ich nicht nur Peanut beigefüttert, sondern auch seine Mutter im 3-Stunden-Rhythmus Critical Care eingetrichtert.
Zu Hause wartete bereits ein Glasbecken mit einer 8Watt Heizmatte; und ein Teddybär mit passender Fellstruktur übernahmen den Part, den ich Cleo bis zum Ende überlassen hatte - das Grundbedürfnis eines Babys nach Wärme und Körperkontakt. Das tapfere Chinchillababy nahm diese Situation gut an und verschwand müde und immer noch ausgekühlt unter seinem Teddy.
Ab da begann ich den mir anvertrauten Chinchillanachwuchs Tag und Nacht im zwei Stunden Takt zu versorgen. Säuglingsmilch und eine Aufzuchtpipette für Katzenbabys hatte ich in den Tagen davor schon benutzen müssen und bereits etwas Routine. Reinigung, Körperwärme und Darmmassage überlagen mir nun auch.
Die ersten Mahlzeiten waren trotz der vergangenen Tage mehr Kampf als alles andere. Peanut war zwar damit einverstanden bei Hunger mal eine Spritze von mir zu bekommen, aber nicht immer. Und dann noch dieses ständige wecken, da die Mahlzeiten regelmäßig sein sollten. Für solch ein mageres Kerlchen hatte er einen erstaunlich sturen Kopf. Sei Wille war so stark, dass ich mir nicht einen Tag ernsthaft Sorgen um ihn machen brauchte.
Die nächsten Wochen waren zwar anstrengend für alle, aber für eine Handaufzucht eigentlich optimal. Leider hatte ich von meinem Tierarzt verboten bekommen, meine liebe Chinchillaoma als Amme einzusetzen, da sie stets mit Hefepilzen zu tun hat und das wahrscheinlich tödlich für Peanut geendet hätte. Mein anderes Chinchillaweibchen war zu aggressiv für das zerbrechliche Chinchillababy. Also stand er separat in seinem Glasbecken im Wohnzimmer und musste mit seinem Teddy kuscheln. Zwischendurch durfte er stundenlang auf der Couch herum turnen und schlief regelmäßig unter meinem Pullover tief und fest ein. Er kam wunderbar mit der Situation zurecht und das Gewicht ging nach wenigen Tagen endlich sehr konstant nach oben.
Ganz problemlos lief es dann aber doch nicht ab. Er wollte feste Nahrung nicht selber fressen und hatte durch die fehlenden Rohfasern sehr starke Verstopfung. Die Milchspritze kam seiner Bequemlichkeit wohl sehr entgegen. Auf anraten meines Tierarztes begann ich winzige Mengen Critical Care beizufüttern und es besserte sich.
Doch nach einigen Wochen kippte die inzwischen fast normale Verdauung plötzlich in Durchfall um. Trotz aller Hygiene hatte meine Handaufzucht sich mit Candidas angesteckt.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich bei seiner zukünftigen Chinchillabegleitung gerade die Candidabehandlung abgeschlossen hatte - denn ich wollte die beiden Chinchillas endlich vergesellschaften. Und so ironisch dieser Verlauf auch war, setzte ich Peanut trotzdem mit Lilly zusammen und wiederholte die Pilzbehandlung bei beiden.
Meine alte Chinchillaoma hat wahnisnnige Angst vor Artgenossen, aber sie gewöhnte sich sehr schnell an Peanut. Sie selbst hatte vor Jahren ihr einziges Baby kurz nach der Geburt verloren.
Peanut schien sehr glücklich, zumal der bisherige Gitterkäfig (das Glasbecken hatte er nur circa 4 Wochen) ihm nicht den Platz bieten konnte, den sein ungezügeltes Temperament verlangte. Ich hatte etwas Sorgen, dass er meiner Lilly zu aufdringlich wird. Aber er verhielt sich mit seinen knapp acht Wochen wie ein großer. Die fast abgestillte Milch bei mir, alles andere bei seiner zweiten Ziehmama.
Im Alter von fast elf Wochen beobachtete ich ihn immer öfters dabei, wie er seine Ziehmama besprang. Der Tierarzt konnte trotz aller Umstände nicht ausschließen, dass er langsam zeugungsfähig wurde. Also musste er wieder in einen eigenen Käfig ziehen, denn die körperliche Reife für eine Kastration war noch nich ganz erreicht. Mit knapp 14 Wochen führte mein sehr kompetenter Tierarzt dann eine Frühkastration bei ihm durch. Selbst direkt nach der Operation waren die Schnitte kaum zu sehen. Es wurde nur minimal rasiert, die Fäden nach innen verlegt und zusätzlich geklebt. Zehn Tage nach dem Eingriff war kaum noch ein Zeichen davon zu sehen.
Zwei Wochen nach der Kastration durfte er wieder zu seiner Lilly zurück. In der Zwischenzeit hatten sie gemeinsamen Freilauf, um sich nicht zu entfremden. Dabei wurde Lillys Empfängnisbereitschaft regelmäßig kontrolliert und ich saß als Anstandsdame dabei.
Mit knapp 14 Wochen brachte meine ehemals magere
Die Bindung zwischen uns ist trotzdem sehr eng. Ich darf alles bei ihm, ihn sogar richtig fest das Fell durchwühlen. Und er stellt sich dagegen und geniesst es. Wenn jemand anderes als Mama ihn anfassen will, reagiert er teilweise bissig. Ich sag dann immer schadenfroh "Er weiß schon, das man eine Mama achten muss!".
Oft genug denke ich noch an Cleo und daran, wie stolz sie auf ihren Sohn Peanut wäre. Ich habe immer noch das Gefühl, als hätte sie ihn mir bewusst übergeben und darum fühle ich mich extrem verantwortlich für sein Wohlergehen. Deshalb werde hoffentlich auch die nächsten 20 Jahre noch Chinchillamama sein.
Erneuter Nachtrag: Am 1.11.2007 hatte mein ehemals untergewichtiges Baby fast alle anderen Chinchillas vom Gewicht her überholt. Er wiegt nun mit knapp 6 Monaten 440 Gramm - und obwohl er eine große Mama hatte, ist er inzwischen - entschuldige, Peanut - fett. Ab sofort werden die Heurationen erhöht und die Pellets gekürzt. Das Leben schreibt halt seine eigenen Geschichten...
Inhalt Ende